Adipositas: «Der Body-Mass-Index ist nur begrenzt aussagefähig.»

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Montag, 01. Juli 2019 07:15

Dr. med. Susanne Thor, Oberärztin für Allgemein und Innere Medizin FMH und Psychotherapeutin der Klinik Schützen Rheinfelden.


Dr. med. Susanne Thor, Oberärztin für Allgemein und Innere Medizin FMH und Psychotherapeutin der Klinik Schützen Rheinfelden, zum Thema Adipositas.

Frau Thor, ab wann sprechen wir bei Übergewicht von Adipositas?
Wenn es um die Bestimmung von Übergewicht geht, gilt der sogenannte Body-Mass-Index für viele noch immer als das Mass aller Dinge. Der Index wird errechnet, indem man das Gewicht eines Menschen durch das Quadrat seiner Körpergrösse teilt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen Wert zwischen 18,5 und 25. Ab einem BMI von über 30 spricht man von Fettleibigkeit oder Adipositas. Liegt der Wert über 40 ist die Rede von sogenannter morbider Adipositas. Ausserdem sollte eine in kurzer Zeit dramatische Gewichtszunahme – zum Beispiel in seelischen Krisensituationen – abgeklärt werden. Dies, da durch beispielsweise psychotherapeutische Gespräche und geeignete Frühinterventionen eventuell noch rechtzeitig (Frühprävention) ein weiteres Ansteigen des Gewichts verhindert werden kann.

Wie aussagekräftig ist der Body-Mass-Index (BMI)?
Der Body-Mass-Index ist nur begrenzt aussagefähig, da er allein auf dem Gewicht im Verhältnis zur Körpergrösse basiert und nicht den individuellen Körperbau und die Verteilung des Gewichts auf Muskeln, Fett und Wasser berücksichtigt. Wenn es darum geht, das Risiko der überflüssigen Pfunde auf die Gesundheit zu ermitteln, spielt neben Grösse und Gewicht, vor allem der Bauchumfang eine wichtige Rolle. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellt ein Taillenumfang ab 88 Zentimetern bei Frauen beziehungsweise 102 Zentimetern bei Männern ein deutlich erhöhtes Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie Entzündungen im Körper dar.

Gibt es genauere Werte, um das Gewicht zu beurteilen?
Noch genauer wird es mit der sogenannten Waist-to-Hip Ratio (WHR, Taille-Hüft-Verhältnis). Der ermittelte Wert ergibt das aussagekräftigste Mass für die Fettverteilung im Körper. Experten zufolge besteht ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen ab einem Wert von 0,85 und bei Männern ab 0,9. Man rechnet den Taillenumfang in Zentimetern geteilt durch den Hüftumfang in Zentimetern. Ist das Ergebnis zu hoch, sollte man die Ernährung umstellen und mehr Bewegung in den Alltag einbauen.

Welche gesundheitlichen Probleme können bei adipösen Patienten auftreten?
Übergewicht entsteht, wenn dem Körper mehr Energie (Kalorien) zugeführt wird, als er verbrauchen kann. Die Ursache ist meistens eine Ernährung, die zu viel Fett und Zucker enthält sowie Bewegungsmangel. Nebst einer verkürzten Lebenserwartung bei stark Übergewichtigen steigt auch das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Ausserdem fördert Übergewicht Bluthochdruck, Schlafapnoe, ungünstige Blutfettwerte, Diabetes mellitus und auch der Bewegungsapparat leidet unter der übermässigen Belastung. Deshalb haben übergewichtige Menschen häufig schon frühzeitig Gelenkbeschwerden und Rückenschmerzen infolge von Arthrose. Zusätzlich kann Übergewicht ein Risikofaktor für bestimmte Krebsformen sein.

Gibt es spezielle Therapieformen für Adipositas-Patienten?
Adipöse leiden oft unter grossen seelischen Belastungen bis hin zu depressiven Erkrankungen, die wiederum das Essverhalten beeinflussen können. Es entsteht eine Negativspirale, die häufig nur schwer zu durchbrechen ist. In Zusammenarbeit mit dem Hausarzt kann hier der Beginn einer Gesprächstherapie beziehungsweise Psychotherapie in Kombination mit geeigneten Bewegungsprogrammen und einer Ernährungstherapie eine grosse Stütze sein. In jedem Fall ist ein hohes Mass an Eigenverantwortung gefragt.

Was passiert, wenn diese Art der Therapie nicht mehr ausreicht?
Wenn diese Anstrengungen ergebnislos verlaufen, können Betroffene unter Umständen von einem stationären Umfeld mit einem spezialisierten Behandlungskonzept profitieren. Dazu gehören in der Klinik Schützen Rheinfelden körperliche Aktivierungen, Austausch mit Fachpersonen, Ernährungsberatung sowie Einzel-Psychotherapien. Zusätzlich kann der Austausch mit Betroffenen in Gruppengesprächen helfen. Ergänzend werden individuell zugeschnittene Spezialtherapien wie pferdegestützte Therapie, Kunst-, Ergo- oder Tanztherapie verordnet und Entspannungsübungen erlernt. Ziel all dieser intensivierten Therapien ist eine langfristige Verhaltensänderung, die auf drei Säulen ruht: Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und das Bearbeiten psychosomatischer Zusammenhänge durch Gespräche.

Kann den Betroffenen auch mittels operativem Eingriff geholfen werden?
Auch eine Operation kann ein effizientes Hilfsmittel sein und die Gewichtsabnahme unterstützen. Bei einer Magenbypass-Operation wird der Magen auf ein Magenvolumen von drei bis vier Esslöffeln verkleinert und bei einer sogenannten Schlauchmagen-Operation wird der grösste Teil des Magens entfernt, so dass ein schlauchförmiger kleiner Magen übrig bleibt. Eine weitere Möglichkeit ist das Magenband (gastric banding). Der Erfolg einer Operation hängt jedoch davon ab, wie streng die Betroffenen sich an die vorgegebenen Ernährungsempfehlungen, Bewegung und an die Änderungen ihres Lebensstils halten. Um den Erfolg zu sichern, sollten diese Massnahmen durch psychotherapeutische Begleitung, übrigens auch im Vorfeld einer solchen Operation, ergänzt werden.

Empfehlen Sie eine Radikaldiät?
Eine Radikaldiät ist aus medizinischer Sicht in keinem Fall zu empfehlen, denn unser Körper ist darauf ausgelegt, Reserven zu bilden. Bei einer Radikaldiät passt der Körper sich an und senkt seinen Grundumsatz, um zu sparen. Abnehmen wird noch schwieriger und letztlich baut der Körper auch Muskeln ab. Der Erfolg hält meist nur kurz an und nach wenigen Wochen bringen die Betroffenen mehr Kilos auf die Waage als vor der Diät. Dieser Jo-Jo-Effekt schadet dem Körper, denn Gewicht abnehmen braucht Geduld.

Wie viel sollte bei einer langfristig erfolgreichen Diät abgenommen werden?
Bei einer realistischen Gewichtsreduktion sollten ein bis zwei Kilo pro Monat abgenommen werden. Dauerhaft zur erfolgreichen Gewichtsabnahme führt nur, wenn langfristig mehr Bewegung in den Alltag eingebaut und das Prinzip einer gesunden Ernährung mit reduzierter Kalorienzahl eingehalten wird. Dabei hilft es, mehr Gemüse, Früchte und Salat zu essen, dafür aber weniger fett- und zuckerreiche Nahrungsmittel. Es sollte kein Alkohol getrunken und auf versteckte Fette, wie zum Beispiel in Wurstwaren und Saucen, geachtet werden.


Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch



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