Bier als Therapie gegen Methanolvergiftung: Was der Chefarzt sagt

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Montag, 11. Februar 2019 06:34

Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos.


Ärzte in Vietnam griffen zu einer ungewöhnlichen Behandlungsmethode, um einen 48-jährigen Mann von seiner Alkoholvergiftung zu kurieren. Die Mediziner des Krankenhauses Quang Tri in der gleichnamigen Provinz verabreichten ihrem Patienten 15 Dosen Bier, wie die staatlich gelenkte Presse des südostasiatischen Landes berichtete.

Mit Erfolg: Der Mann, der eine grosse Menge Methanol zu sich genommen hatte, vermutlich durch gepanschten Schnaps, konnte nach einem Bericht der Tageszeitung «Tuoi Tre» die Klinik nach dem 15. Bier wieder verlassen.

Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum (Inselspital Bern), klärt auf.

Herr Exadaktylos, Bier als Therapie gegen Alkoholvergiftung, hätten Sie das in Bern in Ihrer Klinik auch so gemacht?
Eher nicht, da die Alkoholkonzentration im Bier zu gering ist, um das Methanol schnell und effektiv zu neutralisieren. Während meiner Ausbildung im Ausland haben wir aber auch schon die lebensrettenden Massnahmen eingeleitet, zum Beispiel mit Wodka aus dem Supermarkt um die Ecke.

Wie behandelt man eine Methanolvergiftung medikamentös?
Es gibt ein direktes Gegenmittel, welches die Verstoffwechselung von Methanol verhindert, dies heisst Fomepizol. Es ist aber vor allem in Ländern mit ärmeren Gesundheitssystemen nur schwer zu bekommen. Deshalb behilft man sich eben mit hochprozentigen alkoholhaltigen Getränken. Alkohol bindet die Enzyme, welche das Methanol in seine giftigen Abbauprodukte zerlegen würde. Dabei muss der Patient in der Regel künstlich beatmet werden, da man den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, das heisst, man macht den Patienten stark «betrunken».

Kommen Methanolvergiftungen nicht äusserst selten vor?
Selten, aber regelmässig. Vor allem im Ausland, wo mit Methanol «gepanscht» wird, um billigeren Alkohol zu produzieren und zu verkaufen. Dies aufgrund von Verwechslung oder auch aus Absicht, zum Beispiel bei Selbstmordabsichten.

Wie gefährlich sind solche Vergiftungen?
Sehr gefährlich. Methanol und Ethanol sind Zwillinge, die sich ähnlich sehen, riechen und schmecken, jedoch grundverschieden in der Wirkung sind. Während Ethanol, unser guter alter Lebensmittelalkohol, mehr oder weniger schnell verstoffwechselt und ausgeschieden wird, entstehen durch Methanol die schlimmen Organgifte Formaldehyd und Ameisensäure, welche früher oder später zum Koma führen. Das Perfide daran ist, dass die Vergiftung nur schleichend vorangeht und es bis zu 72 Stunden dauern kann, bis die Symptome voll ausgeprägt sind. 30ml Methanol reichen da theoretisch schon aus. Überlebt man eine Methanolvergiftung, welche nicht fachgerecht behandelt wurde, so ist mit bleibenden Organschäden, aber auch mit Erblindung zu rechnen.

Wie kann man sich – beispielsweise in den Ferien – vor gepanschten Drinks schützen?
Gute Frage, schwere Antwort. Ich persönlich trinke «im Zweifelsfall» nur Getränke, die aus der «eigenen» Flasche (Bier, Wein, Alcopops etc.) kommen. Natürlich ist die Gefahr, in einem guten Hotel gepanschten Alkohol serviert zu bekommen, niedriger als in einer «Ballermann-Bar» mit Alkoholflatrate zu 1 Euro. Hier heisst es wieder: «Gesunder Menschenverstand, wo bist Du?»

Wie leistet man bei einer Alkohol- oder Methanolvergiftung Erste Hilfe?
Grundsätzlich immer gleich. Schlimmeres verhindern, zum Beispiel durch stabile Seitenlage, dem Entfernen von Erbrochenem etc. und einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen. Es hilft sehr, Reste von Getränken oder konsumierten Flüssigkeiten sicherzustellen. Häufig handelt es sich um Mischvergiftungen mit Narkotika oder anderen bewusstseinsverändernden Substanzen.


Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum Inselspital (Universitätsspital Bern), realisiert.

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch


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