Häufig und schmerzhaft: Warum Endometriose zumeist erst sehr spät erkannt wird

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Montag, 27. Mai 2019 07:15

Dr. Stähli, Oberärztin Frauenklinik und Co-Leiterin Endometriosezentrum des Kantonsspital Aarau.


Dr. Stähli, Oberärztin Frauenklinik und Co-Leiterin Endometriosezentrum des Kantonsspital Aarau, zum Thema Endometriose.

Frau Stähli, was ist Endometriose?
Endometriose ist eine gutartige, relativ häufige und oft chronisch verlaufende Erkrankung. Dabei findet man Zellen der Gebärmutterschleimhaut, welche normalerweise die Gebärmutterhöhle auskleiden, auch an anderen Stellen im Körper – vor allem in der Bauchhöhle. Ansammlungen solcher Schleimhautzellen in der Bauchhöhle, auch anderswo im Körper, nennt man Endometrioseherde. Wenn sich solche Endometrioseherde in der Gebärmutterwand selbst befinden, nennt man diese Adenomyose.

Wie entsteht die Endometriose im Körper?
Es gibt verschiedene Theorien aber keine kann bis jetzt alle Erscheinungsformen der Endometriose erklären. Eine der Theorien ist, dass die Bildung von Endometriose einen Zusammenhang mit der Menstruation hat. Bei 90 Prozent aller Frauen fliesst während der Menstruation das Blut nicht nur vaginal ab, sondern auch über die Eileiter in die Bauchhöhle. Im Menstruationsblut befinden sich auch Gebärmutterschleimhautzellen. Bei gesunden Frauen werden sowohl das Blut als auch diese Zellen in der Bauchhöhle durch das Immunsystem problemlos abgebaut.

Das bedeutet?
Man geht davon aus, dass bei Frauen mit Endometriose der Abbau der Zellen durch das Immunsystem gestört ist. So können die Gebärmutterschleimhautzellen an einem neuen Ort in der Bauchhöhle anwachsen und mit Blutgefässen und Nervenfasern versorgt werden. Eine andere Theorie geht von einer Versprengung von Zellen (während der Embryonalentwicklung) aus. So könnten Endometrioseherde an ungewöhnlichen Lokalisationen im Körper besser erklärt werden.

Welche Symptome weisen auf die Betroffenheit hin?
Klassischerweise besteht eine sehr schmerzhafte Menstruation, welche nur schwer mit Schmerzmitteln therapiert werden kann. Während des restlichen Monats kann es auch zu Unterbauchschmerzen kommen, welche chronisch werden können. Ebenso typisch sind Symptome, welche jeweils während, kurz vor oder nach der Menstruation auftreten. Es können beispielsweise auch Schmerzen oder Blutabgang bei Stuhlgang und/oder Wasserlösen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr eintreten. Die Endometriose kann auch ein Grund für Fruchtbarkeitsstörungen sein. Es gibt aber auch Formen, bei denen die Frau wenig oder gar keine Beschwerden hat.

Wer gehört zur Risikogruppe für die Erkrankung?
Über die Ursachen der Endometriose ist leider immer noch viel zu wenig bekannt. Bei Betroffenen handelt es sich meist um junge Frauen im gebärfähigen Alter und Teenager. Da die Endometrioseherde hormonabhängig sind, verschwinden die Symptome in der Regel mit Eintritt in die Menopause. Es wird eine familiäre Häufung der Erkrankung beobachtet. Man geht davon aus, dass verschiedene Faktoren wie zum Beispiel die Genetik und Umweltfaktoren zur Entstehung der Endometriose beitragen.

Wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?
Wenn Menstruationsschmerzen nicht mit herkömmlichen Schmerzmitteln behandelbar sind und die Patientin in ihrem Alltag stark gestört oder sogar funktionsunfähig wird. Ebenso sollte bei starken zyklischen (jeden Monat wiederkehrenden) Beschwerden jeglicher Art, ein Arzt aufgesucht werden. Bei unerfülltem Kinderwunsch und dazu starken Menstruationsbeschwerden empfehlen wir ebenso eine ärztliche Konsultation.

Ist Endometriose heilbar?
Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ist die Endometriose eine chronische Krankheit, welche zwar gut therapiert, jedoch an sich nicht geheilt werden kann. Viele Patientinnen können aber mit Schmerzmitteln oder durch Anwendung von hormonellen Therapien ein unbeschwertes Leben führen. Auch Physiotherapie oder alternativmedizinische Ansätze können wesentlich zum Wohlbefinden von Endometriose-Patientinnen beitragen. Bei sehr schwierigen Fällen mit chronischen Beschwerden kann eine schmerzpsychologische Betreuung oder ein Aufenthalt in einer Schmerz-Klinik eine grosse Hilfe sein. Sobald eine Patientin in die Wechseljahre kommt, verschwinden die Beschwerden in der Regel.

Wie läuft die Behandlung ab?
Die Art der Behandlung hängt vom Alter der Patientin und ihrem Kinderwunsch ab und gestaltet sich nicht bei jeder Patientin gleich. Die Endometriose kann meist nur mittels Bauchspiegelung und Gewebeuntersuchung sicher diagnostiziert werden. Es muss jedoch nicht jede Patientin operiert werden. Bei Verdacht auf eine Endometriose können auch ohne definitive Diagnose Schmerzmittel oder hormonelle Präparate (Pille oder Hormon-Spirale) zum Einsatz kommen.

Mit welchem Ziel?
Ziel bei einer Hormon-Therapie ist, dass möglichst keine Menstruation mehr auftritt. Bei Frauen, bei welchen eine hormonelle Therapie nicht in Frage kommt, können auch Physiotherapie oder alternativmedizinische Massnahmen besprochen werden. Bei manchen Frauen ist trotzdem eine Operation nötig. Diese wird in der Regel mittels Bauchspiegelung (Laparoskopie) durchgeführt.

Was sind die Risiken, falls eine Operation durchgeführt wird?
Die Risiken von solchen Operationen sind abhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Operationen bei schwerer Endometriose können sehr anspruchsvoll sein. Deshalb ist es sehr wichtig, dass das Behandlungsteam viel Erfahrung mit Endometriose-Operationen hat und bei Bedarf verschiedene Fachdisziplinen involviert werden können.

Kann Endometriose lebensgefährlich sein?
Die Endometriose ist an sich keine lebensgefährliche Krankheit. Sie kann jedoch eine Einschränkung der Lebensqualität bewirken.

Wird die Fruchtbarkeit durch die Krankheit beeinträchtigt?
Die Krankheit kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen, dies ist jedoch nicht bei allen Patientinnen mit Endometriose der Fall.


Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch



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