Rachitis: Am häufigsten sind Säuglinge und Kinder betroffen

TCS Info Feed


Freitag, 15. November 2019 07:06

Dr. med. René Glanzmann, Spezialarzt Neonatologie des Universitäts-Kinderspital beider Basel.


Dr. med. René Glanzmann, Spezialarzt Neonatologie des Universitäts-Kinderspital beider Basel, zum Thema Rachitis.

Herr Glanzmann, was versteht man unter dem Begriff Rachitis?
Rachitis ist eine meist im Kindesalter auftretende Störung des Knochenstoffwechsels, die zur Erweichung und damit Verformung der Knochen (schlechte Mineralisation des Knochens) führen kann. Das vergleichbare Krankheitsbild beim Erwachsenen wird auch Osteomalazie genannt. Häufig ist der Grund ein Mangel an Vitamin D und/oder Kalzium. Man unterscheidet eine Kalziummangelrachitis, die hauptsächlich durch einen Vitamin D Mangel und eine verminderte Sonnenexposition zustande kommt, von einer selteneren Phosphatmangel-Rachitis, die durch einen Phosphatverlust über die Niere entsteht – in diese Gruppe fallen auch die seltenen erblichen Formen.

Stimmt es, dass vor allem Säuglinge zur Risikogruppe gehören?
Am häufigsten sind Säuglinge und Kleinkinder betroffen. Risikosituationen sind der Vitamin D Mangel der Mutter in der Schwangerschaft (da treten die Symptome beim Säugling schon in den ersten drei Monaten auf) und vollgestillte Säuglinge ohne Vitamin D Prophylaxe und/oder adäquater Sonnenexposition.

Kann es auch Erwachsene treffen?
Ja, es kann auch Erwachsene betreffen. Da sind die Gründe eine zu geringe Vitamin D Zufuhr, zu geringe Sonnenexposition, eine verminderte Aufnahme des Vitamin D durch den Darm, eine Fehlernährung oder eine Störung des Vitamin-D-Stoffwechsels bei Leber- und Nieren-Problemen. Seltene Ursachen können Störungen im Phosphatstoffwechsel sein. Da bei den Erwachsenen die Wachstumsfugen verschlossen sind, kommt es nicht zu den Knochenverformungen wie im Kindesalter, sondern zur Osteomalazie.

Durch welche Symptome äussert sich der Vitamin-D-Mangel?
Hauptsymptome sind beim Kind zu Beginn Unruhe, Schreckhaftigkeit und vermehrtes Schwitzen. Später dann Müdigkeit, muskuläre Schwäche und Verstopfungen. Im weiteren Verlauf entwickeln sich Skelettveränderungen am Kopf wie Kraniotabes (elastische Eindrückbarkeit des Schädels) oder ein Quadratschädel. Des Weiteren kann es zu Verkrümmungen der Wirbelsäule (Skoliose) oder der Brustwand (zum Beispiel Trichterbrust, Auftreibungen an den Knorpel-Knochengrenzen der Rippen und an den Wachstumsfugen), Verkrümmungen der Beine (O- oder X-Beine) und Zahnschmelzdefekte inklusive Karies kommen. Allgemein besteht eine erhöhte Infektionsanfälligkeit und bei extremem Mangel an Vitamin D die Gefahr für Tetanie oder Krampfanfällen.

Wann sollte ein Arzt konsultiert werden?
Bei den Anfangssymptomen wie Unruhe, Schreckhaftigkeit und vermehrtem Schwitzen sowie bei länger andauernder Müdigkeit oder bei Muskelschwäche sollte eine Vorstellung beim Kinderarzt unbedingt erfolgen. Die bereits erwähnten Skelettveränderungen sind schon Spätsymptome und lassen sich durch eine frühere Diagnosestellung mit anschliessender Therapie vermeiden.

Welche Untersuchungen werden zur Diagnostizierung gemacht?
Wichtig ist die klinische Untersuchung des Patienten. Dazu werden im Blut Kalzium, Phosphat, alkalische Phosphatase und die Vorstufen des Vitamin D bestimmt. Bei klinischem Verdacht auf eine Skelettmitbeteiligung werden auch Röntgenaufnahmen des betroffenen Skelettabschnitts gemacht. Um andere Ursachen auszuschliessen, wird meist auch das Parathormon aus dem Serum mitbestimmt.

Wie werden die Betroffenen behandelt?
Es muss immer die Grundursache behandelt werden. Bei der klassischen Kalziummangel-Rachitis erhalten die Patienten hochdosiert Vitamin D Gaben per os mit Zugabe von Kalzium für zwei mal drei Wochen. Danach folgt eine kalziumreiche Ernährung mit genügender Sonnenexposition. Bei den Vitamin D Stoffwechselstörungen sind Vorstufen von Vitamin D und Kalzium zu verabreichen und dies lebenslang. Bei der Phosphatmangel-Rachitis gibt man Vitamin D Vorstufen Präparate und Phosphat per os als Therapie. Bei den durch Resorptionsstörungen verursachten Mangelzuständen des Vitamin D (Zystische Fibrose, Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen, nach Darmresektionen) oder den medikamentös verursachten Mangelzuständen (Antiepileptika, HIV Medikamente) muss in erster Linie die Ursache behandelt werden.

Kann es durch den Mangel zu bleibenden körperlichen Schäden kommen?
Bei unbehandelten Patienten kann es durchaus zu bleibenden körperlichen Schäden kommen. Unter der richtigen Therapie ist die Rachitis jedoch reversibel.

Gibt es Präventionsmassnahmen, um einem Mangel vorzubeugen?
Die Vitamin D Prophylaxe (400-600IE Vitamin D Tropfen pro Tag) in den ersten drei Jahren des Lebens ist für die kindliche Rachitis präventiv. Danach ist eine ausgewogene Ernährung und genügend Sonnenexposition (Achtung: kein übermässiges Sonnenbaden) schützend. Im Alter von über 60 Jahren ist eine zusätzliche Einnahme von genug Kalzium und Vitamin D wieder empfohlen.

Welche Lebensmittel enthalten eine hohe Dosis an Vitamin D?
Eine hohe Dosis ist vor allem in fettreichen Fischen (Kabeljau, Thunfisch, Lachs), Austern, Leber, Haferflocken, Milchprodukten (Butter, Milch), Eiern, Gemüse wie Süsskartoffeln und Löwenzahn, sowie Pilzen (Steinpilze, Shiitake Pilze) vorhanden.


Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch



Weitere Beiträge


Australien: Sydney in dichten Rauch gehüllt


Hausstaubmilbenallergie: Regionen oberhalb 1 200 Metern über Meer sind empfehlenswert


Neuseeland: Vulkanausbruch überrascht Touristen und fordert fünf Todesopfer


Wie sich Sportverletzungen von Frauen und Männern unterscheiden


Tuberkulose ist eine hochansteckende Infektionskrankheit. Was der Chefarzt dazu sagt.


Generalstreik legt Frankreich lahm


Blasenkrebs: Bei Blut im Urin sollte man immer zum Arzt


Herz-MRI: Die Röhre bringt es an den Tag


Schulterausrenkung: Was der Notfall-Professor sagt


Hypochondrie: Wenn die Angst vor Krankheiten krank macht