Schneeschaufeln: «Die meisten Notfälle gibt es am Vormittag»

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Mittwoch, 09. Januar 2019 06:33

Foto: Pixabay


Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum (Inselspital Bern), zum Thema Schneeschaufeln.

Herr Exadaktylos, man hört immer wieder, Schneeschaufeln (Schippen) sei lebensgefährlich. Ist das ein Witz?
Es gibt sicher lebensgefährlichere Unternehmungen als Schneeräumen. Allerdings zeigen Zahlen aus den USA (dem einzigen Land, das diese regelmässig erfasst), dass es dort während der Wintersaison bis zu fünf Notfälle auf 100 000 Schneeräumer gibt. Das ist nicht wahnsinnig viel, aber auch nicht wenig. In der Schweiz wird über Not- oder Todesfälle in der Regel in der Presse berichtet. Also ein Witz ist es auf keinen Fall, sondern durchaus eine ernstzunehmende körperliche Höchstleistung.

Gehören eher Männer oder Frauen zur Risikogruppe?
Schneeräumen ist klar ein «Männersport». Spass beiseite, das Risiko tragen vor allem die Männer, aber nicht so sehr, weil die Damen des Hauses uns zum Schneeschippen schicken, sondern deshalb, weil Männer bis ins hohe Alter grundsätzlich das höhere Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. In einer eigenen Studie aus unserem Notfallzentrum hatten wir ein Durchschnittsalter von ca. 60 Jahren und eine Geschlechterverteilung Männer zu Frauen von 2/3 zu 1/3.

Was passiert in unserem Körper?
Schon bei normalen Aussentemperaturen beziehungsweise bei moderater körperlicher Anstrengung kann je nach Kondition jede Art von körperlicher Anstrengung zu einer mehr oder weniger schnellen Erhöhung des Blutdrucks und des Pulses kommen. Verschiedene Medikamente können die Reaktion des Körpers auf Anstrengungen noch zusätzlich verändern. Das Herz, unsere wichtigste Lebenspumpe, muss zusätzlich Blut durch die Lungen und in den Körperkreislauf pumpen, um unsere Zellen mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen. Die Kälte zusammen mit der körperlichen Anstrengung führen aber zu einem Einstellen der Gefässe, vor allem in der Peripherie des Körpers, gegen die das Herz mit grösserer Anstrengung anpumpen muss. Je nach Zustand des Herzmuskels beziehungsweise der Herzkranzgefässe wird das mehr oder weniger gut toleriert.

Bei welchen Symptomen sollte man die Schaufel sofort weglegen?
Wie ich am Anfang schon gesagt habe, Schneeschippen ist ein Hochleistungssport im Freien bei niedrigen Temperaturen. Die meisten Notfälle gibt es am Vormittag, man hat vielleicht gerade gefrühstückt, kommt aus dem Warmen und fängt an, wie „wild“ zu schippen oder zu schieben. Ein falscher „Kaltstart“, wie er im Lehrbuch steht. Sobald man deshalb merkt, dass man stark kurzatmig wird oder Brustschmerzen hat oder es einem schwindlig oder übel wird, sollte man die Schaufel oder den Schieber aus der Hand legen und im Zweifelsfalle auch danach einen Arzt aufrufen, wenn man solche Symptome nicht kennt oder diese anders sind als sonst.

Der Platz vor der Garage wird aber nicht von selbst schneefrei, wie kann Mann oder Frau trotzdem sorgenlos Schippen?
Indem man die gleiche Vorsicht und Vorbereitung an den Tag legt, wie bei anderen sportlichen Betätigungen. Das heisst, ein gesunder Abstand zur letzten Mahlzeit und dem Klima entsprechend anziehen. Um einen Wärmestau zu vermeiden, sollte man sich aber auf keinen Fall zu warm anziehen. Auch ein paar Aufwärmübungen für Gelenke und Muskulatur sind wichtig. Eigentlich so, wie man nach draussen zum Sport gehen würde.

Droht Erkältungsgefahr?
Weht ein sehr kalter Wind oder ist es wirklich sehr kalt, dann sollte man sich nicht allzu lange draussen aufhalten und nicht allzu lange kalte Luft einatmen. Falls man nicht über genügend Fitness verfügt oder merkt, dass man an seine Grenzen stösst, dann auf jeden Fall Pausen einlegen und sich erholen. Meiner Meinung nach ist nichts schöner als ein weisser Winter.


Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum Inselspital (Universitätsspital Bern), realisiert.

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch


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