Schulterausrenkung: Was der Notfall-Professor sagt

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Montag, 25. November 2019 07:15

Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos. Foto: Inselspital Bern


Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum (Inselspital Bern), zum Thema Schulterluxation (Ausrenkung des Schultergelenks).

Herr Exadaktylos, was ist eine Schulterluxation und ist es ein Notfall?
Eine Schulterluxation ist eine Ausrenkung eines unserer wichtigsten funktionellen Gelenke, der Schulter. Zu einer Ausrenkung kann es durch eine grössere Krafteinwirkung (z.B. Unfall) oder aufgrund von «schlaffen» oder zu weiten Bändern und Gelenkkapselstrukturen kommen. Dies kann angeboren sein. Beide Formen sind auf jeden Fall ein Notfall, da die Schulter und der Arm entweder gar nicht mehr oder nur eingeschränkt beweglich sind. Je jünger man bei einer ersten Luxation ist, desto grösser ist das Risiko für bleibende Schäden.

Gemäss Statistik ist dies die häufigste Luxationsform überhaupt, warum wohl?
Nun, weil es kein anders Gelenk gibt, welches so beweglich ist, und zwar in alle Richtungen. Das schafft kein Kniegelenk oder Hüftgelenk oder sonst irgendein grösseres Gelenk unseres Körpers. Dafür benötigt es eine ausgeklügelte Mechanik. Aber umso vielschichtiger die Mechanik, desto anfälliger ist diese auch. Unser Hüftgelenk kugeln wir beispielsweise viel seltener aus.

Wie behandelt man eine Schulterluxation?
Indem man den Oberarmknochen wieder einrenkt. Wichtig ist dabei, sicherzustellen, dass es keinen Bruch der Knochen gegeben hat, denn sonst kann es zu zusätzlichen Verletzungen kommen. Manchmal kommt es auch zu Zug auf Nerven oder Gefässe, oder diese werden zwischen den Knochen eingeklemmt. Dies stellt dann einen besonderen Notfall dar und ein Arzt sollte sich dem annehmen.

Spürt man es, wenn Nerven oder Gefässe betroffen sind?
In der Regel ja. Die Hand kann einschlafen oder kribbeln. Wenn Gefässe eingeklemmt sind, wirkt vor allem die Hand blass und kühler als die Gegenseite. Das Gefühl kann vermindert sein.

Kann man die Schulter auch selber einkugeln?
Vor allem Patienten, bei denen die Schulter schon häufiger «herausgesprungen» ist, können sich diese häufig selber einrenken. Da hat jeder seinen eigenen Trick. Aber auch Laien, welche über Erfahrung in der Behandlung von Verletzungen verfügen, können da helfen. Dies ist aber meistens nur der Fall, wenn man sich fernab von jeglicher medizinischen Hilfe befindet, z.B. auf einer Expedition. Ansonsten sollte man es nicht à la «Hollywood» oder mit Hilfe von YouTube-Videos versuchen, das geht schief und macht es in der Regel nur schlimmer.

Wie lange hat man Schmerzen und helfen auch Schmerzmittel?
Der Zug auf Muskeln, Bänder und Nerven schmerzt, und jede Bewegung macht es noch schmerzhafter. Sobald die Schulter wieder im Gelenk ist, wird es in der Regel sofort besser. Danach helfen Schmerzmittel.

Wie lange darf man keinen Sport mehr machen und nicht arbeiten?
Das kann man pauschal nicht sagen, das hängt ganz von der Verletzung und der Art der Ausrenkung ab. Dies muss individuell mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. In der Regel braucht unser Körper 4-6 Wochen, um Verletzungen verheilen zu lassen. Wichtig ist, dass in dieser Zeit eine physiotherapeutische Betreuung stattfindet.

Welche Möglichkeiten gibt es, um das Ausmass der Verletzung zu bestimmen?
Nun, zuallererst gibt es das gute alte Röntgenbild. Auf dem kann man sehen, ob Knochen gebrochen sind. Knochenbrüche im Bereich der Schulter können zu einer Instabilität des Systems führen und die Heilung negativ beeinflussen. Zusätzlich gibt es Möglichkeiten der Ultraschalldiagnostik, Computertomographie oder Magnetresonanztomographie, um die Details der «Weichteile» der Schulter besser darzustellen.

Wann muss man operieren?
Wenn wichtige Strukturen so verletzt wurden, dass diese nicht mehr von alleine zusammenheilen können oder wenn eine Schulter schon bei kleinen «ungeschickten» Bewegungen herausspringt. Unter den Orthopäden haben sich aufgrund der Zunahme der Schulterverletzungen in Arbeit, Freizeit und Sport immer mehr Ärzte ausschliesslich auf Schulterbehandlungen spezialisiert.

Können Komplikationen entstehen?
Wie gesagt, eine Schulterluxation ist ein Notfall und bleibt dies – auch wenn die Schulter wieder drin ist. Nicht richtig verheilte Verletzungen oder rezidivierende Ausrenkungen können der «Mechanik», aber auch den Nerven oder Blutgefässen schaden. Deshalb sollte man unbedingt so oder so zum Arzt gehen.


Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum Inselspital (Universitätsspital Bern), realisiert.

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch


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