Tinnitus: Warum es zu psychischen Störungen kommen kann

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Mittwoch, 09. Oktober 2019 06:10

Foto Pixabay.


Prof. Dr. Markus Pfister, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Swisstinnitus AG in Sarnen, zum Thema Tinnitus.

Herr Pfister, was ist ein Tinnitus?
Tinnitus ist der medizinische Fachausdruck für die subjektive Wahrnehmung von pulsierenden und in der Lautstärke variablen Geräuschen im Ohr wie Pfeifen, Brummen, Rauschen, Knacken, Zischen, Klingeln und Summen. Es handelt sich um eine gestörte Weiterverarbeitung der Hörreize vom Ohr zum Hörzentrum im Gehirn. Durch die dabei entstehende Überaktivität der Nervenzellen wird der Eindruck eines Geräusches vermittelt. Die Ohrgeräusche sind lediglich ein Symptom und in den meisten Fällen kein Zeichen einer schwerwiegenden Erkrankung.

Durch welche Symptome äussert sich der Tinnitus?
Wenn man ein Geräusch – beispielsweise ein Pfeifen, Piepsen oder Rauschen – im Ohr wahrnimmt, welches Mitmenschen nicht hören können, so leidet man an Tinnitus. Dabei kommt es bei den Betroffenen zur Erkenntnis, dass nur sie das Geräusch ständig beim Einschlafen, in Ruhe, bei bestimmten Bewegungen oder in Stresssituationen wahrnehmen.

Welche Ursachen können als Auslöser verantwortlich sein?
Die Ursachen sind individuell und daher auch sehr vielfältig. Ohrgeräusche können durch Probleme im Gefässstatus und der Gefässversorgung des Ohres und des Gehirns entstehen. Weitere mögliche Ursachen sind zum Beispiel Medikamente, Hörsturz, Schädel-Hirn-Trauma, Innenohrverletzungen (Knalltrauma), Muskelverspannungen, Halswirbelveränderungen, Störungen im Kiefergelenk, Hörminderung in Kombination mit Drehschwindel, Herz-Kreislauf- sowie Stoffwechselerkrankungen und Lärm oder Stress.

Ist ein Tinnitus für die betroffene Person gefährlich?
Tinnitus ist keine schwerwiegende Erkrankung, sondern eine Wahrnehmung. Er kann allerdings durch seine Intensität und durch permanentes Vorhandensein die Lebensqualität der Betroffenen extrem beeinflussen und bis hin zu depressiven Phasen oder psychischen Störungen führen.

Stimmt es, dass Aussenstehende den Tinnitus einer betroffenen Person hören können?
Nein, dies ist nicht möglich, da es sich beim Geräusch im Ohr um ein «Phantomgeräusch» handelt, welches in den hyperaktiven Neuronen der betroffenen Person entsteht. Es ist also kein «echtes» Geräusch oder Klangbild, welches aus der Umgebung kommt. Tinnitus ist lediglich eine Erscheinung, die ausschliesslich die Betroffenen wahrnehmen. Ein objektives und von aussen hörbares Ohrgeräusch ist sehr selten und sollte umgehend klinisch abgeklärt werden.

Ab wann spricht man von einem chronischen Tinnitus?
Von einem chronischen Tinnitus spricht man, wenn die Ohrgeräusche länger als drei Monate andauern.

Kann die Betroffenheit weitere Krankheiten auslösen?
Da der Tinnitus die Betroffenen in gewisser Weise «quält», kann es zu psychischen Störungen und depressiven Phasen kommen. Tinnitus-Patienten reagieren oftmals gereizt und sind sensibel gegenüber Umgebungsgeräuschen, Tönen, Musik aber auch Strassenlärm.

Wie wird eine betroffene Person behandelt?
Gemeinsam mit den Tinnitus-Patienten erfolgt eine individualisierte, strukturierte Tinnitus-Therapie (kognitive Verhaltenstherapie). Lernen, sich mit dem Geräusch zu arrangieren, ist der wichtigste Schritt zum Therapieerfolg. Dies braucht Geduld und Zeit und bedeutet, dass das Ohrgeräusch akzeptiert sowie aus dem Bewusstsein verdrängt werden muss. Hierbei hilft es, wenn die betroffene Person Entspannungsübungen erlernt. Gegebenenfalls sollten weitere fachärztliche Untersuchungen durch einen Kieferorthopäden und einen Neurologen durchgeführt werden. Bei einigen Patienten schaffen der Einsatz von Rauschgeneratoren (zur Überdeckung des Geräuschs - sogenannte Masker) oder spezielle Hörgeräte Abhilfe.

Gibt es weitere Therapiemöglichkeiten?
Weiter gibt es verschiedene Therapieoptionen, die individuell mit der betroffenen Person besprochen und gemeinsam mit ihr ausprobiert werden. Hierbei gilt es, genau die Massnahmen herauszufinden, die der Patient als wohltuend und erleichternd empfindet. Dazu gehören die klassischen physikalischen Therapien wie zum Beispiel bei Muskelverspannungen an der Halswirbelsäule. Des Weiteren gibt es die Tinnitus-Retraining-Therapie, wo das Erlernen einer persönlich angepassten Tinnitus-Bewältigungsstrategie im Vordergrund steht. Eine weitere Therapieform ist die Akustische CR-Neuromodulation. Hierbei wird der Tinnitus-Ton detailliert analysiert. Aufgrund dessen werden Therapie-Töne ermittelt, die dem Tinnitus-Ton entgegenwirken und somit den Nervenzellen schrittweise die Überaktivität «abgewöhnen».

Wann raten Sie einen Arzt zu konsultieren?
Die wichtigsten Regeln bei plötzlich auftretenden Ohrgeräuschen sind: Ruhe bewahren und dann einen Arzt aufsuchen. Hierbei gilt: Je früher, desto besser! Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt führt zunächst eine allgemeine Fachuntersuchung und eine gezielte ganzheitliche Diagnostik zum Ausschluss möglicher organischer Ursachen durch. In einem anschliessenden ausführlichen Gespräch werden mögliche Ursachen und geeignete Therapiemassnahmen besprochen.


Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch



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