Tollwut: «Wenn die Krankheit ausbricht, ist es fast schon zu spät.»

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Montag, 03. Juni 2019 07:21

Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos.


Birgitte Kallestat (†24) aus dem norwegischen Ort Fjell starb im Frühling 2019 an Tollwut, weil sie während eines Urlaubs einen Welpen rettete und einen leichten Kratzer davontrug. Es war der erste Tollwuttod eines Menschen in Norwegen seit 1815.

Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum (Inselspital Bern), erklärt.

Herr Exadaktylos, wie steckt man sich mit Tollwut an?
Wie im Film: Man muss gebissen oder so gekratzt werden, dass Tierspeichel ins Gewebe oder in die Blutbahn gelangt. Der Grossteil der weltweiten Tollwutfälle bei Menschen werden durch Hundebisse übertragen. In den USA, Australien, Lateinamerika und Westeuropa hingegen gibt es auch Ansteckungen durch Fledermäuse oder andere wildlebende Tiere. Das Virus ist im Speichel eines tollwütigen Tieres vorhanden und wird üblicherweise über einen Biss oder eine Kratzwunde übertragen. Die Schweiz und Österreich gelten als tollwutfrei, Deutschland aber nicht.

Wie lange dauert es, bis die Krankheit ausbricht?
Das Hinterhältige an dieser Krankheit ist die lange Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch. Dies kann einige Wochen bis mehrere Monate dauern. Wenn die Krankheit ausbricht, ist es aber fast schon zu spät.

Wie manifestiert sich die Krankheit?
Tollwut ist eine Erkrankung des Nervensystems. Sie breitet sich auch entlang der Nervenbahnen von der Bissstelle bis hin zum Rückenmark oder Gehirn aus. Häufig wird Tollwut nicht als solche erkannt, sondern mit anderen Nervenerkrankungen verwechselt. Typische Symptome am Anfang sind Gefühlsverlust, Schmerzen, Kraftverminderung und mehr. Je näher die Krankheit an Rückenmark oder Gehirn, desto schwerer sind die Symptome.

Wie kann Tollwut diagnostiziert werden?
Das Wichtigste ist, sich daran zu erinnern, ob man mit «wilden» Tieren in Kontakt war. Das Zeitfenster für eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe, wie wir sie auch bei HIV-Infektionen kennen, ist sehr klein. Die Diagnostik in Speziallabors ist sehr kompliziert und nicht immer zuverlässig.

Ist die Krankheit immer tödlich?
Bricht die Krankheit voll aus, so stirbt man daran – oder es bleiben schwerste Gehirn- oder Nervenschäden zurück.

Wie wird Tollwut behandelt?
Es gibt keine sichere Behandlungsmöglichkeit. Experimentelle Protokolle wurden beschrieben, sind aber auch nicht ungefährlich. Die oben genannte Postexpositionsprophylaxe-Impfung ist die einzige etablierte «Therapie».

Kann man sich dagegen impfen?
Ja, man kann sich vorbeugend impfen lassen. Dafür sind drei Impfungen innerhalb eines Monats nötig. Dabei werden inaktivierte Tollwutviren unter die Haut gespritzt und dem Körper die Möglichkeit gegeben, Antikörper zu bilden. Nach zirka einem Monat ist man dann immun. Keine grosse Sache! Wenn man gebissen wurde, gibt es ebenfalls die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Hier werden Antikörper gegen die Tollwut gespritzt und gleichzeitig mit der regulären Impfung begonnen. Es muss bis zu sechs Mal geimpft werden und jedes Mal an verschieden Orten gleichzeitig, um die Ausbreitung des Virus zu blockieren. Die Impfung ist nicht angenehm, aber lebensrettend.

Wie kann man sich schützen?
Wilde Tiere inklusive Hunde sind nicht «jööööö», sondern im Zweifelsfall Überträger einer tödlichen Krankheit. Streicheln kann töten, also Hände weg, auch wenn Tiere verletzt sind oder noch so herzig dreinschauen. Sofort zum Arzt, wenn man gebissen oder gekratzt wurde – oder mit offenen Wunden beziehungsweise Schleimhäuten mit Wildtierspeichel in Kontakt kam. Die gute Nachricht, je ferner die Länder, desto mehr Erfahrung haben die lokalen Ärzte mit Tollwut.


Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum Inselspital (Universitätsspital Bern), realisiert.

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: med@tcs.ch


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